Das Typenprogramm der Deutschen Bundespost
In den 50er und 60er Jahren sind in der "Zeitschrift für das Post- und Fernmeldewesen" vermehrt Artikel erschienen, die sich mit dem Kfz-Typenprogramm der Deutschen Bundespost beschäftigten. Ich will einige Auszüge davon euch näher bringen, sofern sie sich mit motorisierten Zweirädern beschäftigten. Zusätzlich folgt noch ein Auszug aus einem Artikel der "Postpraxis". Die Texte sind wortwörtlich ggf. mit einigen Kürzungen wiedergegeben. Die genauen Quellen sind unten genau aufgeführt.
Zu den Abbildungen: Beide Zeitschriften waren Fachzeitschriften für den Dienstbetrieb. Sie mussten möglichst günstig sein und wurden dementsprechend auf Zeitungspapier gedruckt. Dazu kommt noch eine nötige Vergrößerung der Fotos meinerseits, die eine weitere Qualitätsminderung verursachten. Deshalb bitte ich um Nachsicht, wegen der nicht berauschenden Qualität der Abbildungen.


ZPF 11 / 1954

(...) Die Verwendung dieser einspurigen Fahrzeuge , bei welchen die Fahrer den Witterungsunbilden ausgesetzt sind, sollte nur auf Fälle beschränkt werden, wo die Benutzung nur einer Fahrzeugspur aus verkehrstechnischen Gründen und aus Gründen der Geländeverhältnisse erzwungen wird. Zweifellos findet ein solches Fahrzeug bessere Durchfahrtmöglichkeiten und vor allem günstigere Park- und Halteverhältnisse als ein mehrspuriges Fahrzeug. Deshalb muß sich die Verwendung einspuriger Fahrzeuge im Stadtverkehr nur auf die Telegrammzustellung, im Landverkehr nur auf Fälle beschränken, wo die zur Verfügung stehenden Wege überhaupt nur eine Spur zulassen (Feldwege, Trampelpfade). Bei dieser Beschränkung der Einsatzmöglichkeiten hielten wir bisher einen Motorrad-Typ für völlig ausreichend, die Zahl der Beschaffungen ist zu gering (Zündapp 200 ccm). In Zukunft werden zwei Typen nebeneinander beschafft werden, eine Maßnahme, der insoweit zugestimmt werden kann, als das Motorrad doch ein kurzlebiges wirtschaftsgut darstellen wird, vor dessen zu weitgehenden Instandsetzungen lieber die Neubeschaffung liegen sollte. (...) Wo ältere Fahrer erleichterte Sitz- und Aufstiegsverhältnisse suchen und auf große Durchschnittsgeschwindigkeiten keinen Wert legen, ist das Feld auch offen für Motorroller, für die wir nur den Typ "Lambretta" vorgesehen haben. Besondere Beachtung finden unsererseits z.Z. die Mopeds, eine form des Fahrrads mit Motorantrieb, die für die Allgemeinheit in den letzten zwei Jahren doch eine erhebliche Bedeutung gewonnen haben, dass nicht nur über 30 Typen entwickelt wurden, sondern auch schon Zehntausende abgesetzt wurden. Eine erstmalige Erprobung des Lutz-Mopeds in der Landzustellung hatte jedenfalls Anfangserfolge. Der wirkliche Erfolge wird jedoch nur darin liegen, dass die beim Fahrrad zu leistende eigene Tretarbeit durch motorische Kraft ersetzt oder auf der Steigung unterstützt wird. Dort wo das Fahrrad am Platze war, wird in Zukunft das Moped Erleichterung bringen. (...) Versuche für verschiedene Typen sind angeordnet und im Gange.


ZPF 19 / 1956

Der Einsatz von Zweirädern war lange Zeit lediglich auf die Telegrammzustellung beschränkt, so dass an sich die Beschaffungszahlen nicht erheblich und dementsprechend auch unsere Typenwahl sich lange Zeit nur auf das Zündapp-Motorrad 200 ccm mit seiner Typenfolge 200, 201, 202, Norma und Comfort abgestellt war. Versuche mit der DKW RT 175 und der NSU Lux traten sehr bald in ihrer Bedeutung zurück, als sich der Zündapp-Roller "Bella" bei den Fahrern immer größerer Beliebtheit erfreute. Der hier vorliegende Schutz gegen Schmutz von unten und Wind von vorn, die leichtere Durchstiegsmöglichkeit zur Einnahme des Reitsitzes wurden zur bemerkenswerten Vorteilen. Zur Mitnahme kleinerer Lasten gab eine Berliner Entwicklung mit einem kleinen geschlossenen Kasten über dem Hinterrad den Anlaß, in dieser Richtung jetzt eine größere Beschaffung durchzuführen.
Mopeds sind z.Z. in einer Stückzahl von über 200 Stück in einem größeren Versuch, dessen Auswertung z.Z. im PTZ im Gange ist. Jedenfalls ist die Beurteilung in den von den OPDn eingereichten Bewährungsberichten sehr unterschiedlich. Die zwei eingesetzten Versuchstypen - NSU Quickly und Zündapp Combinette, davon das Zündapp-Moped in einer Lastenmopedausführung - konnten eine länger dauernde Störungslosigkeit und Freiheit von technischen Mängeln noch nicht beweisen. Mit länger dauerndem Einsatz besteht immer mehr der Eindruck, dass die Mopeds der dauerhaften Beanspruchung des Postbetriebs doch nicht gewachsen sind. Insbesondere ist der Einsatz in der Landzustellung bei den schwierigen Geländeverhältnissen und bei der Notwendigkeit, doch Lasten verschiedener Größe und verschiedenen Gewichts mitzunehmen, wohl nicht mehr zu empfehlen. Der Versuch, die Lastenmitnahme durch leichte geeignete Kästen zu erleichtern, wirkt letzten Endes doch etwas verkrampft.(...)
Der Einsatz von Zweirädern jeder Art sollte wirklich nur in den Fällen als Behelf eintreten, wo die Wegeverhältnisse nur einspurige Fahrzeuge zulassen oder wo überhaupt keine Lastenmitnahme erforderlich ist. In allen anderen Fällen der Verkraftung sollten lieber organisatorische Maßnahmen durch Zusammenlegung von Beförderungsleistungen vorgenommen werden, um den Einsatz von Kleinwagen auch wirtschaftlich zu gestalten. Wo das Zweirad nicht zu umgehen ist, sollte der Zündapp-Typ "Bella" mit oder ohne Kasten das einzige Einsatzmittel werden.
Die LPD Berlin erhält für die Briefkastenleerung noch die alten bewährten BMW-Seitenwagengespanne.


ZPF 21 / 1958

Trotz des allgemeinen Rückganges der Zweiradverwendung im allgemeinen Verkehr sind im Post- und Fernmeldedienst die Versuche insbesondere mit Mopeds dauernd fortgesetzt worden, und es zeigt sich, dass gewisse Vorteile bei diesem Einmann-Betrieb erzielt werden können. Kritisch bleibt die Frage, wie man die erforderliche Beiladung auf dem Moped oder auch auf den noch im Typenprogramm enthaltenen Bella-Zündapp-Rollern so befördern soll und kann, dass die Fahrsicherheit auf den Straßen, auf denen sich auch der Schnell- und Schwerverkehr abwickelt, noch ausreichend vorhanden ist. Kästen oder Körbe über dem Vorder- und Hinterrad sind Möglichkeiten, andererseits zeigte es sich bald, dass die Firma Zündapp den Sonderbau eines Lastenmopeds mit kleinerem Vorderrad nicht fortführte. Wir mussten uns hier auf das Lastenmoped der Firma Rabeneick einstellen, aber auch hier liegt jetzt die Neigung vor, Sonderbauarten nicht mehr durchzuführen. Erst in den letzten Tagen hat die Firma ein Moped vorgeführt, das nach den strapaziösen Posterfahrungen in der Ausbildung des Rahmens, in der Kettenführung und in der Vorder- und Hinterradfederung eine neue Form darstellt, die aber gleichzeitig durch den mit einigen Handgriffen durchzuführenden Anbau eines vorn liegenden Gepäckträgers eine Kombiausführung des Mopeds für Lasten- und Personenbeförderung oder für Personenbeförderung allein ist. 3-Gang-Getriebe, verstärkte Naben- und Gesamtausführung erbringen ein Eigengewicht dieses Fahrzeuges mit 61 kg, wobei man sich erinnern muß, dass einmal für Mopeds als höchstes Eigengewicht 33 kg zugelassen waren. Das Moped hat seinen Charakter als motorisiertes Fahrrad längst verloren, nur der kleine Motor mit 50 cbm Hubraum und eine pedalähnliche Fußstütze erinnern an den Entwicklungsvorsprung dieser Art Zweiräder. Z.Z. besteht Führerscheinfreiheit. Mopedbeschaffungen sind laufend im Gange. Es muß sich zeigen, inwieweit diese Fahrzeugart für die Dauer im Postbetrieb zweckdienlich sein wird.
Hinsichtlich der Kräder sind die Beschaffungen nach wie vor auf den Bella-Roller der Firma Zündapp abgestellt, da eine Erweiterung des Typenprogramms hierfür unnötig ist. Der Bella-Roller mit dem hinten aufgesetzten Berliner Kasten wird nicht mehr beschafft, da die großen Blechflächen und die Schwerpunktslage je nach Beladung übereinstimmend bei vielen OPDn Zweifel an der Fahrsicherheit dieses Rollers ergeben haben. Im allgemeinen muß man zu dem Ergebnis kommen, dass Zweiräder nur noch dort am Platze sind, wo die mitzuführende Ladung nicht zur Überladung oder zur Fahrunsicherheit führt und wo die Kombination von Transportbedürfnissen aus wirtschaftlichen Gründen den Einsatz von 4-Rad-Fahrzeugen noch nicht lohnt.


ZPF 22 / 1964

Zweiräder in der Rollerklasse werden nur als Fabrikat Heinkel Tourist 175 ccm und als Lastmoped der Firma Rabeneick beschafft. Der langjährig im Gebrauch befindliche Typ Bella der Firma Zündapp wird nicht mehr gebaut.


Die Postpraxis 8 / 1968

Während die Beschaffung der Vierradfahrzeuge bei der DBP in den letzten Jahrzehnten ziemlich stetig im Zunehmen begriffen war, ist der Anwendungsbereich für das mittelschwere und schwere Motorrad ständig kleiner geworden und derzeit völlig entfallen. Auch die Beschaffungszahlen für den Roller sind wesentlich zurückgegangen. Dagegen gewinnt das Moped an Bedeutung, was aus einem Ansteigen des Bestandes von 191 Einheiten im Jahre 1955 auf 3436 im Jahre 1966 anschaulich hervorgeht. Es ergeben sich allerdings auch hierbei noch genug Nachteile, die der Betrieb für den Fahrer mit sich bringt. Der Fahrer ist allen Witterungseinflüssen ausgesetzt und in höherem Maße unfallgefährdet als in einem Vierradfahrzeug. Auf dem technischen Sektor sind es die relativ höheren Instandsetzungskosten und eine geringere Lebensdauer, wodurch die Einsparungen im Beschaffungspreis gegenüber dem VW z.T. wieder aufgezehrt werden.
Auf dem Roller-Gebiet werden z.Z. Typen der Firmen Zündapp und Vespa erprobt. Diese Fahrzeuge werden meist im Telegramm- und Eilzustelldienst verwendet, wo sie infolge ihrer großen Wendigkeit im Großstadtverkehr und ihres geringen Parkraumbedarfs auch weiterhin eine gewisse Daseinsberechtigung behalten werden.
Als Lastenmoped wird ein Typ der Firma Hercules mit 48-cbm-Motor von 2,6 PS verwendet. Das Moped erreicht die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h und ist mit einem vorderen Gepäckträger von 31 kg Tragfähigkeit ausgerüstet. Auf diesem Gepäckträger ist ein Drahtkorb befestigt, an dessen Stelle auch ein verschließbarer Blechkasten von nahezu denselben Abmessungen verwendet werden kann. Über dem Hinterrad besteht in beiden Fällen noch eine Unterbringungsmöglichkeit für 8 kg Last; sie wird mit einer Gurtspannvorrichtung gehalten. Als Schutz gegen die Witterungsunbilden können seitliche Beinschützer angebracht werden, deren Wirkung jedoch beim Moped begrenzt ist.
Um die Bedienung des Lastenmopeds zu erleichtern, ist geplant, die Tretpedale wegfallen zu lassen. Die Tretpedale sollen bei Ausfall des Motors ermöglichen, dass das Fahrzeug als Fahrrad weiterbenutzt wird. Da das Moped durch die im Laufe der Zeit durchgeführten Verbesserungen stabiler und zuverlässiger geworden ist, kann auf diese Forderungen verzichtet werden. Dafür soll ein Kickstarter eingebaut werden, der das Anlassen erleichtert. Gleichzeitig soll dabei die Zweigang-Handschaltung durch eine Dreigang-Fußschaltung ersetzt werden. Hierdurch werden das Schalten einfacher und die Fahrweise elastischer. Diese Änderungen ermöglichen auch einen besseren Beinschutz.
Vor weiterreichenden Schutzmaßnahmen, wie dem Anbringen eines Plexiglas-Schutzschildes auf dem Lenker, soll an dieser stelle jedoch ausdrücklich gewarnt werden. Die Seitenwindempfindlichkeit wächst dadurch in großem Maße, und schon ein dicht vorbeifahrender Lastwagen kann durch seinen Sog das Fahrzeug aus dem Gleichgewicht bringen und erhebliche Unfallgefahren schaffen.


ZPF 22 / 1969

Eine weitere Änderung wurde bei den Zweirad-Fahrzeugen eingeführt, wo das bisherige Modell der Firma Hercules durch ein ähnliches, jedoch mit Fußrasten, Kickstarter und Dreigangschaltung ergänzt wurde, das nun als Mokick bezeichnet wird. Nachdem der Aufpreis für diese Verbesserungen nur gering ist, kann seine Beschaffung empfohlen werden, da sich die Fahreigenschaften und damit auch die Fahrsicherheit zweifellos verbessert haben. Es ist jedoch nicht anzuraten für relativ alte Fahrer, denen eine Umgewöhnung nicht mehr zuzumuten ist.


ZPF 10 / 1974

Der Bestand der Zweiradfahrzeuge am Gesamtbestand ist stark zurückgegangen. Heute werden lediglich noch Mokicks in kleineren Stückzahlen mit besonderer Vorrichtung zum Transport von Sendungen beschafft.


Quellen:

Albert Ehrlich: Das Kleinkraftfahrzeug im Typenprogramm der Deutschen Bundespost, ZPF 11/1954
Albert Ehrlich: Das Kfz-Typenprogramm der DBP und seine weitere Entwicklung, ZPF 19/1956
Albert Ehrlich: Entwicklungen im Typenprogramm für Kraftfahrzeuge der DBP, ZPF 21/1958
Albert Ehrlich: Neue Grundsätze und Typ-Kraftfahrzeuge im Kfz-Typenprogramm der DBP, ZPF 22/1964
Gerhard Burkert: Die Postfahrzeuge – ihre Gestaltung für Betrieb und Verkehr, Die Postpraxis 8/1968
Albert Ullrich: Neuerungen bei den Kfz des Postbetriebsdienstes, ZPF 22/1969
Eberhard Siegert: 25 Jahre entwickeln, Erproben und Beschaffen von Kfz durch das PTZ, ZPF 10/1974

Ein großes Dankeschön an unser Forenmitglied "postjungbote" für diese ausführliche Recherche!

Zündapp-Roller Bella mit Ladekasten
Zündapp Lasten-Moped
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Zündapp-Moped
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Zündapp Bella-Roller mit Päckchenkasten
Rabeneick Lastenmoped Typ Lastboy
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